
Vor 11 Jahren floh Qusay Amer vor den Repressionen des Assad-Regimes nach Berlin. Seitdem engagiert er sich politisch in der syrischen Diaspora. Wie blicken Exil-Syrer in Deutschland jetzt auf den Wiederaufbau ihres Landes?
In Deutschland leben knapp eine Millionen Syrer und Syrerinnen – eine der größten syrischen Diaspora weltweit. Wie ist die Stimmung in der Community?
Es ist schwierig das in Worte zu fassen. Ich glaube, uns allen fällt es schwer zu realisieren, dass Syrien nach 54 Jahren endlich vom Assad-Regime befreit wurde. Wir sind einfach glücklich. Wir feiern das Ende einer Diktatur. Wir werden uns aber erst dann wirklich freuen können, wenn alle Vermissten zu ihren Liebsten zurückgekehrt und alle Unschuldigen aus den Gefängnissen befreit sind.
Wann haben Sie angefangen, politisch aktiv zu werden?
Die Revolution hat mich stark politisiert. Als die Proteste 2011 begannen, war ich 19 Jahre alt. Vorher hatten wir kein politisches Leben in Syrien. Dafür hatte das Assad-Regime seit den 70er Jahren gesorgt. Als der arabische Frühling begann, mussten wir deshalb erstmal lernen, was es eigentlich heißt, Rechte zu haben. Wir mussten uns erstmal aufklären und bilden. 2011 schloss ich mich mit meinen Freunden den Protesten an. Wir haben friedlich für Freiheit, Recht, Menschenwürde und gegen die staatliche Unterdrückung demonstriert. Das hat mich nachhaltig geprägt. Als ich 2013 nach Berlin kam, war der Aktivismus zu einem Teil meines Lebens geworden. Zusammen mit vielen anderen Syrern habe ich hier dann einfach weiter gemacht.
Welche Repressionen haben Sie damals in Syrien erlebt?
Zu Beginn der Revolution mussten wir uns in geheimen Räumen treffen, um uns überhaupt informieren zu können. Aber diese Räume wurden von den Geheimdiensten abgehört. Wegen meiner Beteiligung an den Protesten wurde ich dann verhaftet und kam ins Gefängnis. Bis heute frage ich mich, wie ich da lebendig rausgekommen bin.
2013 kamen Sie nach Deutschland und sind seitdem bei verschiedenen Organisationen in der syrischen Diaspora politisch aktiv gewesen. Wie lange haben sich syrische Oppositionelle im Exil schon auf den Sturz Assads vorbereitet?
Seit dem Beginn der Aufstände. Aber unsere politische Arbeit hat sich ständig verändert. Am Anfang waren wir noch voller Hoffnung, dass das Regime irgendwann stürzen würde. Aber mit Beginn der russischen Intervention ab 2015 und dem Aufstieg des Islamischen Staats haben viele Syrer langsam ihre Hoffnung verloren. Wir haben uns völlig machtlos gefühlt und deshalb vor allem darauf konzentriert, das kollektive Trauma der syrischen Diaspora zu bearbeiten. Viele mussten sich erstmal von ihren schmerzhaften Erfahrungen erholen. Andere Gruppen haben aber trotz allem weiter in die Zukunft geschaut und sich überlegt, wie es politisch nach dem Ende des Assad-Regimes weitergehen könnte. Mit unserer Initiative Visions for Syria haben wir zum Beispiel Workshops organisiert, in denen Exil-Syrer lernen konnten, gleichberechtigt und auf Augenhöhe über Politik zu diskutieren und dabei unterschiedliche Perspektiven auszuhalten.
Wie geeint ist die syrische Diaspora in Deutschland hinsichtlich ihrer politischen Forderungen an den Wiederaufbau Syriens?
Wir spiegeln die Realität in Syrien wider: Es gibt nicht die eine Diaspora, genauso wenig wie es die eine syrische Identität gibt – das ist auch gut so. Denn die syrische Bevölkerung ist sehr vielfältig. Deshalb gibt es auch eine Vielzahl an Gruppen, die die verschiedenen syrischen Diaspora in Deutschland repräsentieren. Aber ich glaube, wir sind uns alle einig darin, dass wir unsere Stimme nutzen können, um international auf die Situation in Syrien aufmerksam zu machen. Wir Exil-Syrer bilden eine Brücke zwischen Deutschland und Syrien und fördern auch im Exil die Verständigung zwischen den unterschiedlichen syrischen Bevölkerungsgruppen.
Ist das im Exil einfacher als in Syrien selbst?
Ja, weil wir hier den Raum und überhaupt die Möglichkeit haben, uns ohne Angst vor Verfolgung auszutauschen. Während das in Syrien kaum möglich war, konnten wir hier lernen, uns gegenseitig zuzuhören und dass es verschiedene Varianten derselben Geschichte geben kann.
Zum Beispiel?
Einmal hatten wir Teilnehmer in einem Workshop, die aus Latakia kamen. Das ist die Stadt, aus der die Familie Assad stammt – eine Hochburg der Diktatur. Natürlich haben wir uns immer gefragt: Wo waren diese Menschen 2011? Warum sind sie nicht alle auf die Straße gegangen? Wenn du dann aber jemanden aus diesem Ort kennenlernst, dann verstehst du, was 54 Jahre unter Assad mit diesen Menschen gemacht haben: Auch hier in Deutschland hatten sie noch Angst, irgendetwas Regimekritisches zu sagen. In solchen Momenten haben wir viel gelernt. Im Exil habe ich auch Syrer kennengelernt, die in den Vororten von Damaskus über viele Jahre vom Regime belagert wurden. Später wurden sie von Rebellen befreit. Erst im Exil habe ich aber realisiert, dass auch auf Seiten der Opposition viel schiefgelaufen ist. Man darf das nicht idealisieren: Auch Oppositionelle haben Menschen unterdrückt und Terror verbreitet.
Welche Rolle kann die syrische Diaspora beim Wiederaufbau Syriens spielen?
Ich glaube, die Rolle der Diaspora ist jetzt wichtiger denn je. Viele von uns haben sich in Deutschland politisch gebildet und verstehen, wie Demokratie und Partizipation funktionieren und wie wichtig es ist, Minderheiten zu integrieren. Viele von uns haben auch in Parteien mitgearbeitet. Außerdem haben sich viele Syrer in Deutschland auch beruflich weitergebildet, egal, ob in der Wirtschaft, Politik oder in der Architektur und Stadtentwicklung, so wie ich. Wir haben Kompetenzen und Fähigkeiten erworben, die für den Wiederaufbau sehr viel wert sind.
Sie promovieren an der TU Berlin zu Architekturen des Asyls. Welche Rolle möchten Sie beim Wiederaufbau Syriens spielen?
Noch überfordert mich diese Idee. Ich will den Menschen Syrien, die zu mir gestanden und mir geholfen haben, etwas zurückgeben. Aber auch denen, die gegen mich waren, reiche ich die Hand und sage: Wir bauen das jetzt wieder auf! Welche Rolle ich dabei spielen kann, wird sich zeigen. Das braucht noch Zeit. Syrien muss sich erst politisch stabilisieren. Neben meiner Promotion bin ich Mitglied des internationalen Netzwerks Young Syrian Urbanists. Wir tauschen uns viel darüber aus, wie wir als junge Architekten und Stadtplaner die Zukunft des Landes mitgestalten können.
Wie zuversichtlich ist die syrische Community, dass das Land jetzt tatsächlich zur Ruhe kommt und Recht und Gerechtigkeit wiederhergestellt werden?
Wir sind voller Hoffnung, aber diese Hoffnung ist auch mit Skepsis verbunden. Ich hoffe, dass die Macht in den Händen der Bevölkerung bleibt und nicht bei denen, die Waffen besitzen, deren extremistische Vergangenheit allen bekannt ist und die die Bevölkerung in den befreiten Gebieten im Nordens unterdrückt haben. Niemand möchte, dass sich die Geschichte der 70er-Jahre wiederholt und ein Tyrann die Macht ergreift.
