Seit seiner Flucht tut Shirawan Rammo alles, um sich in Deutschland zu integrieren – aber auch nach zehn Jahren bleiben viele Hindernisse.

Shirawan Rammo fällt zwischen den anderen Fußballpapas nicht weiter auf. So wie jeden Samstag steht der 40-Jährige am Spielfeldrand und schaut seinem Sohn zu. „Ramin spielt gut“, sagt er stolz – eilt aber kurz nach dem Anpfiff schon wieder zum Auto. Er muss seinen jüngeren Sohn Raman von einem anderen Spiel abholen. „So geht das jedes Wochenende, ich pendle zwischen den Plätzen hin und her“, sagt Rammo lächelnd. Er wirkt zufrieden.

Seit zehn Jahren lebt Shirawan Rammo mit seiner Familie in Bochum. Als sie sich 2014 auf den Weg nach Deutschland machten, war Sohn Ramin gerade ein Jahr alt. Der Bürgerkrieg hatte zu dieser Zeit auch die kurdischen Gebiete in Nordsyrien erreicht, die Heimat der Familie. Mit Frau und Kleinkind überquerte Shirawan Rammo die Grenze in die Türkei, musste sie dort aber wieder zurückschicken – die Flucht über die Balkanroute war zu gefährlich. Später würde er sie nachholen.

Vom Sohn blieb ihm auf der Flucht nur eine Latzhose

Andenken an die Flucht: Das Einzige, was Shirawan Rammo von seinem Sohn mitnehmen konnte, war diese Latzhose. © WAZ Bochum | Mayank Sharma

Sohn Ramin und Ehefrau Nourhan zurückzulassen, war für Shirawan Rammo eine traumatische Erfahrung. Das einzige, was er von seinem Sohn mitnehmen konnte, war eine kleine, blaue Latzhose. So beschreibt es Rammo in seinem Buch „Zwischen zwei Welten“. Anfang dieses Jahres hat er es veröffentlicht. „Dreimal habe ich versucht, den Moment des Abschieds aufzuschreiben“, erinnert er sich. „Als ich es geschafft hatte, konnte ich drei Monate lang nicht an meinem Buch weiterarbeiten.“ Er holt tief Luft und schaut auf den Boden. Noch immer fällt es ihm schwer, darüber zu sprechen. „Die Flucht immer wieder neu zu erleben, das ist sehr schwierig.“

Trotzdem hat er seine Geschichte zu Papier gebracht. „Mir geht es darum zu zeigen, wie schwer so eine Flucht ist und wie wir kämpfen müssen, um unseren Weg hier zu finden“, erklärt Rammo. „Und wir sind auch nicht ohne Grund geflohen, wir mussten viel aufgeben. Ich möchte, dass die Leute das verstehen.“

Um Verständnis werben, Überzeugungsarbeit leisten – diese Motive sind auch für Rammos politische Arbeit ausschlaggebend. Integration ist für ihn dabei zu einem leitenden Thema geworden: Bei den Kommunalwahlen stand Rammo auf Platz vier der Grünen Liste für den Integrationsausschuss. Schon seit 2020 ist er stellvertretendes Mitglied in dem Gremium, das sich auf kommunaler Ebene für die Integration und Gleichstellung von Migranten einsetzt.

„Hier anzukommen, bedeutet für mich auch, Deutschland etwas zurückzugeben.“ Shirawan Rammo

Beim Thema Integration sieht Rammo aber vor allem Migranten selbst in der Pflicht. „Integration bedeutet für mich, sich an die Regeln zu halten, das Gesetz zu respektieren, die Sprache zu lernen und so schnell wie möglich in Arbeit zu kommen”, erklärt Rammo seine überraschend konservative Position. „Deutschland hat so viel für uns getan. Hier anzukommen, bedeutet für mich auch, Deutschland etwas zurückzugeben.“

Wirklich angekommen ist Shirawan Rammo seinem eigenen Verständnis nach also noch nicht. Denn auch nach zehn Jahren in Bochum ist er immer noch auf Sozialhilfe angewiesen. Über sein lokales Netzwerk hat er jahrelang versucht, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen – vergeblich.

Noch immer muss Shirawan Rammo regelmäßig Anträge auf Wohngeld und Kinderzuschlag ausfüllen. Noch immer steckt er in einer Umschulung fest. „Ich hasse es, Anträge zu stellen und auf Hilfe angewiesen zu sein, aber ich bin dazu gezwungen”, sagt Rammo. Er wird laut, wenn er über dieses Thema spricht. Er will endlich auf eigenen Füßen stehen.

Die Zeugnisse aus Syrien wurden nicht anerkannt

In Syrien stand Rammo kurz davor, sein Studium abzuschließen. Er strebte eine Karriere als Agraringenieur an. So, wie viele andere Geflüchtete, wollte er sein Studium in Deutschland fortsetzen. Aber als er seine Zeugnisse anerkennen lassen wollte, wurde er enttäuscht: Sein Abitur wurde nur als Hauptschulabschluss anerkannt, sein Studium hätte er ab dem zweiten Semester wiederholen müssen. „Das war eine Katastrophe, es hat mich wie ein Schlag getroffen”, erinnert sich Rammo an den Brief vom Amt. Vier Jahre Studium – umsonst. Zurück auf Null.

Nebenberuflich hilft Shirawan Rammo, die Akademie der Wirtschaft in Bochum aufzubauen. Hier will er nach seiner Umschulung als Büroleiter durchstarten. © WAZ Bochum | Mayank Sharma

Ohne anerkannten Abschluss begann Shirawan Rammo langsam, über sein Ehrenamt auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. 2016 – zwei Jahre nach seiner eigenen Flucht – fing er an, andere Geflüchtete zu beraten. Er knüpfte Kontakte, brachte es in Deutsch auf ein C1-Niveau, absolvierte Praktika, bildete sich zum Sprach- und Kulturmittler weiter – endlich das erste Jobangebot: Rammo begann im Bochumer Bildungszentrum als Flüchtlingsberater in Teilzeit zu arbeiten. Den Rest der Zeit übernahm er die Sorgearbeit für seinen neugeborenen Sohn Raman. Währenddessen besuchte seine Frau Deutschkurse, begann eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten.

Ohne Berufsqualifikation wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Jahrelang jonglierten Shirawan und Nourhan Rammo zwischen Kinderbetreuung, Deutschkursen, Arbeit und Ausbildung. Rammo hangelte sich von Job zu Job im Sozialwesen. Ohne richtigen Berufsabschluss war er aber immer der Erste, der gekündigt wurde, wenn Fördergelder ausliefen. Mit seinem Teilzeitgehalt und dem Ausbildungsgehalt seiner Frau konnte sich die Familie gerade so über Wasser halten. 

Irgendwann kam er zu dem Schluss, dass es ohne formale Berufsqualifikation in Deutschland einfach nicht geht. Er hörte auf zu arbeiten und begann eine Umschulung zum Kaufmann im Gesundheitswesen – wieder in Teilzeit. Inzwischen haben Shirawan und Nourhan Rammo eine kleine Tochter, Ariana.

Während des kommunalen Wahlkampfes lud Shirawan Rammo die kurdische Community zu einer Diskussion mit OB-Kandiaten ein: CDU-Mann Andreas Bracke (l.), und SPD-Kandidat Jörg Lukat (r.).© privat | Shirawan Rammo

„Ich bin aus Bochum, ich mag Bochum“, sagt Rammo

Woher nimmt Shirawan Rammo die Kraft, seit mehr als zehn Jahren immer wieder von vorne anzufangen? „Ich denke an meine Kinder. Ich will ein Vorbild für sie sein”, sagt Rammo. „Und ich glaube an die Zukunft, dass ich etwas erreichen werde.“ An Aufgeben habe er in all den Jahren nie gedacht. „Ich hasse es, arbeitslos zu sein”, sagt er – und berichtet von seinen Zukunftsplänen.

Am liebsten würde er als Abgeordneter im Stadtrat oder für die Stadtverwaltung arbeiten. „Ich bin aus Bochum, ich mag Bochum, ich möchte für Bochum arbeiten”, sagt Rammo. Er denkt groß und möchte vorankommen, vielleicht sogar bis in den Bundestag oder ins Auswärtige Amt. „Aber erstmal möchte ich nicht mehr darüber nachdenken müssen, ob mein Gehalt für die Miete reicht. Und ob ich bis zum Monatsende durchkomme, wenn ich meinem Sohn Schuhe kaufe.”