Türkische „Gastarbeiter“ in Bochum: „Nächstes Jahr kehren wir zurück …“

Im Juni 1965 rekrutierte der Bochumer Verein eine zweite Gruppe türkischer Arbeiter – dieses Mal 70. In ihre besten Anzüge gekleidet warten sie am Bahnsteig auf ihre Weiterfahrt. © Historisches Archiv Krupp, Essen | Historisches Archiv Krupp

1964 rekrutiert der Bochumer Verein 100 Arbeiter aus der Türkei. Sie sind die ersten, die in der Stahlproduktion des Unternehmens eingesetzt werden.

„Gute Zusammenarbeit mit 100 Türken“, titelt die Hüttenzeitung des Bochumer Vereins im November 1964. Im Juli kamen die neuen Mitarbeiter mit einem Sonderzug aus Istanbul über München nach Bochum. „Und heute, nach einer viermonatigen Zeit des sich gegenseitigen Kennenlernens, kann man ohne Vorbehalt sagen, daß sie mit ihren deutschen Arbeitskollegen willig und produktiv zusammenarbeiten“, schreibt die Hüttenzeitung. Damals war klar: Die sind nur zum arbeiten da.

Mevlüt Ince, 28 Jahre alt, bevor er in der Zurichterei Höntrop angestellt wurde, arbeitete er als Schneider.

Mustafa Ziksakal, 35 Jahre alt, vor seiner Anstellung als Putzer war er Elektriker.

Bayram Assim, 23 Jahre alt, war vorher Verkäufer; Rafet Simsek, 27 Jahre, Kellner; Murat Yaranli, 32 Jahre, Landarbeiter – sie alle waren Teil der ersten großen Rekrutierungsaktion des Bochumer Vereins.

Mustafa Ziksakal bei der Arbeit als Putzer in der Zurichterei Höntrop. © Historisches Archiv Krupp, Essen | Historisches Archiv Krupp

Delegation des Bochumer Vereins reist in die Türkei

Im Juni 1964 reist eine Delegation des Montankonzerns nach Istanbul. Ihr Auftrag: In der „Deutschen Verbindungsstelle“ im Stadtteil Tophane die besten Männer für die Arbeit in den Stahlwerken aussuchen. Dort müssen die Bewerber einen rigorosen teils Auswahlprozess durchlaufen, den viele später als demütigend beschreiben.

Der Andrang auf die Istanbuler Verbindungsstelle ist enorm, die Zustände chaotisch: Jeden Tag werden in der Verbindungsstelle etwa 1.000 Männer und Frauen auf ihre berufliche und gesundheitliche Eignung überprüft – viele nach einer Wartezeit von mehreren Jahren. Am Ende bekommt nur jeder Vierte die Chance auf einen Arbeitsplatz in Deutschland.

Im Jahr 1964 werden knapp 55.000 Arbeiter durch die Verbindungsstelle vermittelt, die meisten in die Stahlindustrie. Organisiert wird das Verfahren durch eine eigens dafür eingerichtete Bundesanstalt. Unternehmen wie der Bochumer Verein zahlen pro Arbeiter eine Vermittlungsgebühr von 120 DM und müssen geeignete Werksunterkünfte nachweisen.

Türkische Arbeiter hören in ihrem Wohnheim Musik auf Schallplatten.© Historisches Archiv Krupp, Essen | Historisches Archiv Krupp

Mit dabei auf der Reise nach Istanbul ist der Fotograf Hans Rudolf Uthoff. Er begleitet die Delegation des Bochumer Vereins und dokumentiert den Rekrutierungsprozess für die Hüttenzeitung. Hunderte Angehörige kommen an den Bahnhof Istanbul-Sirkeci, um ihre Söhne, Ehemänner oder Väter zu verabschieden, so zeigen es Uthoffs Fotografien. „Viele wussten nicht: Wann werden wir uns wiedersehen, werden wir uns überhaupt jemals wiedersehen?“, sagte der Fotograf gegenüber dem SPIEGEL, bevor er 2020 verstarb. Seine Bilder dokumentieren bis heute den tränenreichen Abschied und die lange Zugfahrt ins Ungewisse.

Nach der Ankunft am Bahnhof: Mit dem Bus werden die neuen Mitarbeiter in ihr Wohnheim in der Overdyker Straße gebracht. © Historisches Archiv Krupp, Essen | Historisches Archiv Krupp

„Wirtschaftswunder“ und Arbeitskräftemangel

Die türkischen Arbeiter waren nicht die ersten Arbeitsmigranten, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland kamen. Als die Bundesrepublik am 30. Oktober 1961 das Anwerbeabkommen mit der Türkei schloss, war es bereits das vierte seiner Art – schon vorher gab es Abkommen mit Italien, Spanien und Griechenland, weitere sollten folgen.

Das ab 1952 einsetzende „Wirtschaftswunder“ sorgte für eine massive Nachfrage nach Arbeitskräften. Zwischen 1951 bis 1960 sank die Arbeitslosenquote von 10,4 auf 1,3 Prozent. Nachdem die DDR im August 1961 mit dem Bau der Mauer begonnen hatte und die Zuwanderung aus der DDR zum Erliegen kam, sank die Arbeitslosenquote 1961 auf 0,8 Prozent – es herrschte Vollbeschäftigung.

In der Wirtschaftspolitik rückte deshalb der türkische Arbeitsmarkt weiter in den Fokus, insbesondere um die hohe Nachfrage in der Montanindustrie zu stillen. Deutsche Arbeitskräfte waren für die schmutzige und gefährliche Arbeit unter Tage und in den Stahlwerken kaum noch zu begeistern.

Mevlüt Ince bei der Arbeit an der Richtmaschine im Werk Höntrop. © Historisches Archiv Krupp, Essen | Historisches Archiv Krupp

„Bergbau fordert weitere Türken an“

Am 5. Juni 1964 meldet die WAZ: „Bergbau fordert weitere Türken an.“ In einem aktuellen Bericht des Bochumer Arbeitsamtes ist damals noch die Rede von „konjunkturellen Auftriebskräften“ und „wachsenden Auftragsbeständen“ in der Montanindustrie. „Die gute Beschäftigungslage bestärkt verschiedene Unternehmer in dem unablässigen Bemühen um die Gewinnung zusätzlicher Arbeitskräfte”, schreibt die WAZ.

Ende Mai 1964 sinken die Arbeitslosenzahlen in Bochum auf knapp 1.700. Demgegenüber sind berufs- und branchenübergreifend mehr als 8.000 Stellen unbesetzt, davon allein etwa 1.800 im Bergbau und 200 in der Eisen- und Metallindustrie. „Angesichts der geringen Aussicht, in ausreichender Zahl deutsche Arbeitskräfte zu erhalten und weitere Griechen und Italiener zu gewinnen, hat eine Bochumer Bergwerksgesellschaft weitere 200 Türken angefordert“, schreibt die WAZ damals.

Am 5. Juni 1964 meldet die WAZ: „Bergbau fordert weitere Türken an“. In dem Bericht werden die Folgen der guten Beschäftigungslage beschrieben. © Stadtarchiv Bochum | Stadtarchiv Bochum

Türkische Arbeitsmigranten bald in der Mehrheit

Der Bochumer Verein beschäftigt 1964 rund 14.000 Arbeiter. Als das Unternehmen im Juli die 100 ersten türkischen Arbeiter rekrutiert, sind sie in Bochum gegenüber anderen Nationalitäten noch deutlich in der Unterzahl. „In drei Monaten 440 neue Gastarbeiter”, meldet die WAZ am 7. Juli 1964.  Von den 3.761 in Bochum ansässigen Arbeitsmigranten stammen nur 274 aus der Türkei. Mit jeweils knapp 1.000 machen Italiener und Griechen zu diesem Zeitpunkt noch den größten Anteil aus. Das sollte sich bald ändern.

Wegen der Ölkrise und einer starken wirtschaftlichen Rezession verhängt die Bundesregierung im November 1973 einen Anwerbestopp. Bis dahin waren rund 870.000 türkische Arbeitsmigranten nach Deutschland gekommen. Entgegen der ursprünglichen Erwartung kehrten nur etwa 500.000 wieder in die Türkei zurück.

Alte Personalakten des Bochumer Vereins spiegeln diese Entwicklung wider: Ende 1973 beschäftigt das Unternehmen, das inzwischen zum Krupp-Konzern gehört, 520 ausländische Arbeitskräfte, 358 davon stammen aus der Türkei. In den Folgejahren erhöht sich diese Zahl kontinuierlich. Auch deutschlandweit ist die türkische inzwischen die größte unter den migrantischen Bevölkerungsgruppen.

Am 7. Juli 1964 meldet die WAZ: „In drei Monaten 440 neue Gastarbeiter“. In der Meldung wird die neuen Arbeitsmarktstatistik nach Nationalität aufgeschlüsselt.© Stadtarchiv Bochum | Stadtarchiv Bochum

„Nächstes Jahr kehren wir zurück …“

Schon die damals übliche Bezeichnung „Gastarbeiter“ drückte die politische und gesellschaftliche Erwartung aus, dass Arbeitsmigranten nach wenigen Jahren wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren würden. Auch die türkischen Arbeiter selbst glaubten, dass ihr Aufenthalt in Deutschland nur von kurzer Dauer sein würde. Die Aussage, im nächsten Jahr wieder zurückzukehren, wurde zum geflügelten Wort.

Zu Beginn des Anwerbeabkommens war der Aufenthalt der türkischen Arbeiter auf zwei Jahre begrenzt, ein Familiennachzug war zunächst nicht vorgesehen. Auf Drängen der deutschen Arbeitgeberverbände wurde diese Regelung aber 1964 abgeschafft.

Entgegen der ursprünglichen Pläne wurden viele Arbeitsmigranten nun unbefristet angestellt und begannen ihre Familien nachzuholen. Insbesondere nach dem Anwerbestopp 1973 spielte der Familiennachzug eine wichtige Rolle für die türkische Zuwanderung in die Bundesrepublik. Noch heute ist etwa die Hälfte der zugewanderten türkeistämmigen Menschen über den Familiennachzug nach Deutschland gekommen.

Blick in den Speisesaal der türkischen Arbeiter: Der Bochumer Verein quartierte sie in ein gesondertes Wohnheim in der Overdyker Straße 128 ein. An der Wand ein Porträt des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. © Historisches Archiv Krupp, Essen | Historisches Archiv Krupp

Türkische Diaspora in Bochum

In Bochum hatten 2024 knapp 34 Prozent der Stadtbevölkerung eine Einwanderungsgeschichte. In den Stadtteilen rund um die ehemaligen Werke des Bochumer Vereins und die Kruppwerke waren es sogar mehr als 56 Prozent, viele davon mit Wurzeln in der Türkei.

Was aus den ersten 100 türkischen Arbeitern des Bochumer Vereins wurde, ob einige von ihnen noch leben und ob ihre Nachfahren heute Teil der lebendigen türkischen Diaspora in Bochum sind, konnte bis zum Redaktionsschluss nicht ermittelt werden.

Quellen: