Diese Rentner leben schon jetzt an der Armutsgrenze

Rentner Gustus (l.) und Schubert (r.) bei der Magdeburger Tafel: »In DDR-Zeiten, was haben wir denn da verdient?« Foto: Thomas Victor / DER SPIEGEL

Im Osten sind immer mehr Senioren auf Sozialleistungen angewiesen. Von der Politik erwarten die Menschen nicht viel. Unser Reporter hat sich bei der Tafel in Magdeburg umgehört.

Vier Biertische stehen in der gepflasterten Einfahrt, auf jedem zwei Plastikkisten, für jeden Rentner eine. Annedore Gustus beugt sich über ihre Kiste und sortiert den Inhalt: einen Salatkopf, Pilze, ein Netz leicht gekeimter Kartoffeln. »Damals in DDR-Zeiten, was haben wir denn da verdient? Nüscht«, sagt sie und verstaut die Lebensmittel in ihrem Ziehwagen.

Annedore Gustus ist 75 Jahre alt. Wenn sie über ihre schwierige Lage spricht, beschönigt sie nichts, sie wirkt weder verzweifelt noch resigniert. 42 Jahre lang habe sie in die Rentenkasse eingezahlt, sagt sie. Ausgezahlt bekomme sie monatlich knapp 800 Euro. Seit sie nichts mehr dazuverdienen könne, gehe sie zur Tafel in Magdeburg-Buckau. Jeden Dienstag werden hier Lebensmittel an Rentner verteilt.

Tafel-Kundin Gustus: Ein Altern in Würde – trotz Armut. Foto: Thomas Victor / DER SPIEGEL

Als Bundeskanzler Friedrich Merz im April sagte, dass die gesetzliche Rente in Zukunft höchstens noch eine »Basisabsicherung« sein werde, sorgte das insbesondere im Osten für Empörung. Hier ist die Abhängigkeit von der gesetzlichen Rente besonders groß. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze warnte, in Ostdeutschland sei eine auskömmliche Rente nicht nur für ein Altern in Würde wichtig, sondern auch für den sozialen Frieden existenziell.

An diesem Dienstag hat die Rentenkommission ihre Vorschläge für eine umfassende Reform präsentiert. Setzen Regierung und Parlament das Reformpaket um, würde das für ältere Menschen bedeuten, dass ihre gesetzliche Rente in Zukunft langsamer steigt als bisher. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, warnte bereits vor einem besonderen Altersarmutsrisiko in Ostdeutschland. Die Reformen hätten auch Folgen für die Senioren in Magdeburg-Buckau, die schon heute mit ihren Bezügen unter die Armutsgrenze fallen.

Ein Mann fragt nach Käse

Etwa 60 Männer und Frauen stehen an diesem Morgen in der Schlange vor dem Kassenhäuschen, zeigen ihre Tafelausweise und zahlen vier symbolische Euro. Mitarbeiter räumen leere Kisten weg, entsorgen Reste, holen Nachschub aus dem Lager. Eine Frau fragt, ob es noch Wurst im Kühlregal gebe. Ein Mann fragt nach Käse.

Knapp 500 Menschen über 65 Jahre sind bei der Magdeburger Tafel als Kunden registriert. Viele von ihnen gehören zu den rund 126.000 ostdeutschen Senioren, die laut Statistischem Bundesamt Ende 2025 im Alter auf die Grundsicherung angewiesen waren – 46 Prozent mehr als 2021. Im Westen stieg diese Zahl im gleichen Zeitraum um 27 Prozent.

Ein Haarschnitt, ein Stück Fleisch

Mit ihren knapp 800 Euro Rente taucht Annedore Gustus nicht in dieser Statistik auf. Ihre Rente ist zu hoch, als dass sich die Grundsicherung für sie lohnen würde, leben kann sie davon aber auch nicht. Ihre Miete kann sie von ihrer Rente allein nicht bezahlen und bekommt deshalb Wohngeld, eine Voraussetzung für den Tafelausweis. Dank der Lebensmittelspenden kann sie sich in ihrem Alltag noch den ein oder anderen Luxus gönnen. Wie zum Beispiel einen Haarschnitt oder ab und zu mal ein gutes Stück Fleisch – Dinge, die sie sich durch die Preissteigerungen der vergangenen Jahre sonst wohl kaum leisten könnte.

Ruheständler Schubert mit Lebensmitteln: »Nach der Wende hat hier alles dichtgemacht« Foto: Thomas Victor / DER SPIEGEL

An der Kiste neben Gustus steht Günther Schubert, 71 Jahre alt. Die beiden tauschen ein paar Lebensmittel aus. Schubert bekommt den Wurstaufschnitt, Gustus das Mehl und die Champignons. Vor fünf Jahren haben sie sich hier in der Tafel kennengelernt. Seitdem kommen sie dienstags gemeinsam zur Lebensmittelausgabe. Manchmal nimmt Schubert sie in seinem alten Honda mit oder fährt sie zum Arzt. »Günther hilft mir wirklich sehr viel«, sagt Gustus.

Auch Schubert taucht in keiner Armutsstatistik auf: Für die Grundsicherung und Wohngeld ist seine Rente zu hoch. »Mit der Witwerrente meiner Frau bekomme ich ungefähr 1700 Euro im Monat«, sagt er. Würde er allein leben, läge er damit über der Armutsgrenze. »Ich habe aber noch drei Enkelkinder und meinen behinderten Sohn zu Hause«, sagt Schubert. Für seine Enkelkinder sorge er seit ihrer Geburt. Zur Lebensmittelausgabe komme er stellvertretend mit dem Tafelausweis seines Sohnes.

Arbeit in der Schwerindustrie

Zu DDR-Zeiten haben Schubert und Gustus in Magdeburgs volkseigener Schwerindustrie gearbeitet: Gustus im VEB Armaturenwerke »Karl Marx« als Dreherin, Schubert im VEB Schwermaschinenbau »Karl Liebknecht« als Schlosser. Er habe Gussteile für Dieselmotoren bearbeitet, sagt Schubert, bis zur Wende. »Dann hat hier alles dichtgemacht.«

Was folgte, haben viele Menschen in Ostdeutschland erlebt: Fabriken machten dicht, Arbeitsplätze gingen verloren. In den Jahren nach der Wende zogen viele von einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zur nächsten, ohne wieder richtig in ihrem Beruf Fuß zu fassen. »Unterbrochene Erwerbsbiografie« heißt das auf Beamtendeutsch. Konkret bedeutete das: Arbeitslosigkeit, langfristig weniger Einkommen, aufstocken mit Sozialleistungen.

Als alleinerziehende Mutter von drei Kindern sei sie nach der Wende immer auf Sozialhilfe angewiesen gewesen, sagt Gustus. »Ich habe aber auch immer gearbeitet.« Erst selbstständig mit einem Obst- und Gemüsestand, später in der Gastronomie als Abräumerin, dann als Kassiererin, zwischendurch auch in einem Hühnerstall. »Mit 57 habe ich noch mal angefangen, als Reinigungskraft zu arbeiten.« 530 Euro habe sie bekommen, als sie mit 65 in Rente ging. Bis sie 70 Jahre alt war, habe sie noch stundenweise geputzt. »Irgendwann kam ich nicht mehr die Treppe hoch.« Seitdem gehe sie zur Tafel.

Die Scham

»Im ersten Jahr habe ich fast nur geweint«, sagt Gustus. Sie habe sich geschämt, Lebensmittelspenden anzunehmen. Inzwischen freue sie sich darauf: Der Gang zur Tafel sei der einzige Termin in der Woche, an dem sie unter Leute komme. Die meisten ihrer Freunde seien inzwischen weggezogen oder verstorben. Ihre Kinder habe sie seit fünf Jahren nicht mehr gesehen. »Die wissen nicht mal, dass ich krank bin«, sagt sie.

Gustus packt die letzten Lebensmittel aus der Kiste ein und zieht ihren Wagen hinter sich durch die Einfahrt. Sie geht unsicher über das Pflaster. Ein Mitarbeiter kommt und will ihr eine Tasche abnehmen. Sie lehnt ab.

Vorn an der Straße erwartet sie Schubert mit offenem Kofferraum. Gustus klappt eine Sitzfläche aus der Rückseite ihres Ziehwagens und setzt sich schwer atmend hin. »Nicht alt und krank werden«, rät sie und senkt ihren Blick. Erst als sie aufhörte zu arbeiten, hätten die Schmerzen begonnen. »Bis dahin war ich noch im Gange«, sagt sie.

Weder Eigentum noch Vermögen

Ein paar Jahre habe sie in die Riester-Rente eingezahlt, sagt Gustus. Das Geld habe sie aber schon verbraucht. Ansonsten habe sie nicht privat vorgesorgt. Sie habe weder Eigentum noch Vermögen, auch eine Betriebsrente bekomme sie nicht. So wie für viele Ostdeutsche ist die gesetzliche Rente für Gustus die einzige Stütze im Alter.

Der Rentenstreit im politischen Berlin geht an Schubert und Gustus größtenteils vorbei. »Da krieg ich eine Halskrause, das höre ich mir schon gar nicht mehr an«, sagt Gustus. Für die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt am 6. September interessieren sich Schubert und Gustus kaum. Aktuellen Umfragen zufolge könnte die AfD über 40 Prozent der Stimmen bekommen, eine Alleinregierung des als gesichert rechtsextrem geltenden Landesverbands ist nicht ausgeschlossen.

»In DDR-Zeiten bin ich nicht wählen gegangen, jetzt gehe ich auch nicht«, sagt Schubert. »Alle versprechen, aber keiner macht was.«

Er hievt die Einkaufstaschen ins Auto, gießt heißen Kaffee in kleine Pappbecher, zündet sich eine Zigarette an. So wie jeden Dienstag, wenn sie sich nach der Tafel am Kofferraum treffen. Von der Politik erwarten Schubert und Gustus nicht mehr viel. Sie haben ihre eigenen Wege gefunden, mit der bitteren Lage umzugehen.