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Immer mehr Deutsche verlassen ihre Heimat – so wie Marie und Alex. Hier erklären sie, warum sie sich für einen Neuanfang in Schweden entschieden haben.
SPIEGEL: Marie und Alex, Sie sind nach Schweden ausgewandert. Hat Deutschland Sie aufgegeben oder umgekehrt?
Alex: »Aufgegeben« ist zu hart.
Marie: Wir hatten schon länger mit der Idee gespielt, auszuwandern. Mit der Geburt unseres Kindes hat sich das dann gefestigt.
SPIEGEL: Laut Statistischem Bundesamt zogen voriges Jahr fast 290.000 Bundesbürger ins Ausland, so viele wie noch nie. War das bei Ihnen eine persönliche oder eine politische Entscheidung, die Heimat zu verlassen?
Alex: Wir haben das in erster Linie für uns persönlich beschlossen. Die äußeren Umstände haben aber auch eine Rolle gespielt. Deutschland ist wie ein langsamer Tanker, der ewig zum Wenden braucht. Manche Dinge gehen einfach zu schleppend voran. Zum Beispiel bei der Kinderbetreuung: Die Absage für den Kitaplatz unseres Kindes haben wir erst in Schweden bekommen. Hier haben wir schon nach zwei Monaten einen Kitaplatz bekommen. Allerdings wohnen wir jetzt auch sehr ländlich.
Marie: Vorher haben wir in der Region Mannheim-Ludwigshafen gelebt, ein dicht besiedelter und industrieller Raum. Auch deshalb wollten wir nach Schweden auswandern.Zu den Personen
Marie, 28, und Alex, 38, sind im April 2025 mit ihrem Kind nach Schweden ausgewandert. Seitdem haben sie dort, wie sie sagen, den schönsten Sommer und den dunkelsten Winter ihres Lebens erlebt. Sie stammen aus der Region Mannheim-Ludwigshafen, Marie arbeitete dort im Consulting, Alex war in der Logistik eines großen Industrieunternehmens tätig.
SPIEGEL: Gab es einen Moment, in dem Sie dachten: Wir müssen hier weg?
Marie: Entscheidend war die günstige Situation, in die wir vor etwa einem Jahr kamen. Ich hatte im Consulting bei einer Bank gearbeitet und war gerade in Elternzeit.
Alex: Ich arbeitete als Logistiker bei einem großen Konzern. Die wirtschaftliche Lage war in der Branche zuletzt angespannt, es wurden Stellen abgebaut. Das war unsere Möglichkeit, einen Schlussstrich zu ziehen und neu anzufangen.
Marie: Wir hatten eine Checkliste im Kopf und haben einen Haken nach dem anderen gesetzt: Keine Verpflichtungen gegenüber Arbeitgebern, unser Kind war noch klein. Dann haben wir gesagt: Wir probieren das jetzt.
SPIEGEL: Was müsste sich politisch ändern, damit junge Eltern gar nicht erst darüber nachdenken auszuwandern?
Marie: Wohnraum muss wieder bezahlbar werden. Wir hatten auch überlegt, ein Haus zu kaufen oder zu bauen, aber das war einfach nicht realistisch. Als junge Familie hatten wir in Deutschland nicht das Gefühl, dass es vorteilhaft ist, Kinder zu bekommen. Wir haben uns eher gefragt, wie wir trotz Kindern durchkommen – und das, obwohl wir beide gute Jobs hatten.
SPIEGEL: Etwa 20 Prozent aller Deutschen können sich vorstellen auszuwandern.
Marie: Wir sind sehr aktiv auf Social Media und kriegen viel davon mit. Wir bekommen viele Nachrichten von Leuten, die Fragen zum Auswandern haben. Natürlich ist es erschreckend, dass so viele darüber nachdenken. Anscheinend gibt es da wirklich ein Problem.
Alex: Wir sind aber auch Realisten: Wie soll sich ein Staat finanzieren, wenn so viele auswandern? Wir persönlich können daran aber nichts ändern. Deshalb haben wir unsere Konsequenzen gezogen.
SPIEGEL: Hatten Sie schon mal ein schlechtes Gewissen?
Marie: Unserer Familie gegenüber ja. Wir wollen natürlich unser Familienglück mit ihnen teilen.
Alex: Deutschland tragen wir im Herzen. Wir wünschen dem Land nichts Schlechtes, aber es muss sich viel ändern. Es muss wieder mehr Geld in Bildung und Kitaplätze investiert werden. Vielleicht überlegen es sich dann viele noch mal anders mit dem Auswandern.
SPIEGEL: Wie ist der berufliche Übergang für Sie seit Ihrer Auswanderung gelaufen?
Marie: Ich bin immer noch in Elternzeit.
Alex: Ich versuche, mich selbstständig zu machen. Das meiste läuft hier aber nur auf Schwedisch – Formulare, Behördenkommunikation, alles. Das Steuersystem funktioniert anders, es gibt andere Unternehmensformen. Und obwohl die schwedische Bürokratie insgesamt schlanker ist, muss man sich da erst einmal reinfinden.
SPIEGEL: Entspricht Schweden Ihren Vorstellungen?
Alex: Wir haben den Tipp bekommen: Bevor man auswandert, soll man im schlechtesten Monat des Jahres Urlaub im Zielland machen. In Südeuropa wäre das im Sommer während der Haupthitze. Hier ist es der dunkle Winter. Im Urlaub war das für uns gar kein Thema. Aber der letzte Winter war dann doch heftig. Zur Wintersonnenwende wird es schon um 14.30 Uhr dunkel. Und es wird extrem kalt. Das schränkt einen schon ein.
Marie: Was uns positiv überrascht hat, war der Sommer. Letztes Jahr hatten wir den schönsten Sommer unseres Lebens. Es ist traumhaft, wenn hier alles blüht. Und die Temperaturen sind angenehm warm.
SPIEGEL: Haben Sie sich während des dunklen Winters mal gedacht: Was haben wir uns hier nur angetan?
Marie: Ich habe tatsächlich direkt am zweiten Tag nach unserem Umzug geweint und gesagt: Um Gottes Willen, das war ein absoluter Fehler. Wir saßen im Haus fest, überall standen noch Umzugskartons rum. Da kommen einem auch mal die Zweifel.
SPIEGEL: Denken Sie manchmal über eine Rückkehr nach Deutschland nach?
Alex: Das kommt darauf an, wie meine Firmengründung läuft. Rational gesehen geht es ums Geld. Außerdem lernt man im Ausland die deutschen Tugenden wieder zu schätzen, insbesondere Pünktlichkeit und Genauigkeit. Und natürlich vermissen wir unsere Familie.
Marie: Wir fühlen uns in Schweden total wohl, wir haben hier auch gute Freunde gefunden. Aber manchmal fehlen mir meine Mutter oder meine Schwester.
SPIEGEL: Was sagen Sie Ihrem Kind, wenn es Sie in zehn Jahren fragt, warum Sie ausgewandert sind?
Alex: Man fragt sich natürlich immer, ob man das Richtige getan hat. Aber solange wir hier mehr gute als schlechte Tage haben, haben wir alles richtig gemacht. Bisher stimmt die Bilanz.
Marie: Ich würde unserem Kind sagen, dass wir damals einfach nach etwas gesucht haben, was besser zu uns passt, was sich für uns richtig angefühlt hat – und dass es das auch machen soll.
