
Foto: Illustration: Thilo Rothacker / DER SPIEGEL
Jahrelang war mir nicht klar, dass ich nach den indischen Gewürzen roch, mit denen meine Eltern zu Hause kochten. Bis ich nach einer längeren Reise wieder nach Hause kam.
In unserem deutsch-indischen Haushalt war die Küche offen und der Geruch von Gewürzen allgegenwärtig. Er stand in der Luft, wenn ich hungrig von der Schule nach Hause kam und mich auf das Essen meiner Mutter freute. Er zog durch die Türritzen in mein Zimmer, wenn meine Eltern Kreuzkümmel-, Koriander-, Bockshornkleesamen und Chilis in Öl anbrieten und dann, mit einem zischenden Geräusch, fein gehackte Zwiebeln hinzugaben.
Und er kam mit meinen Eltern nach Hause, wenn sie spätabends erschöpft von der Arbeit kamen. Am Geruch ihrer Kleider und Haare erkannte ich sofort, ob sie in ihrem Restaurant in Wiesbaden tagsüber Pakora frittiert hatten. An ihren Händen konnte ich ablesen, ob ein Gericht mit Kartoffeln auf der Karte stand. Die Arbeit damit zerfraß ihre Haut, ließ sie zerknittert und rissig erscheinen.
Jahrelang war mir nicht klar, dass auch ich nach indischen Gewürzen roch, dass die Dämpfe aus unserer offenen Küche in die frisch gewaschene Kleidung zogen, die im Wohnzimmer darauf wartete, zusammengelegt zu werden. Ich wusste nicht, dass starke Gewürze auch mit dem Schweiß ausgedünstet werden können. Ich stellte auch dann keinen Zusammenhang her, als meine Mitschüler in der weiterführenden Schule begannen, mich »Curry King« zu nennen – nach einem bekannten Currywurst-Fertiggericht.
Die historische Ironie, die in meinem unliebsamen Spitznamen steckte, fiel mir erst viel später auf: »Curry« ist ein westliches Missverständnis. Vermutlich leiteten die portugiesischen Kolonialherren das Wort aus dem tamilischen »Kari« ab, das so viel wie »Soße« bedeutet. Über die Jahrhunderte machten die Briten daraus »Curry«. Sie bezeichneten damit einfach alles, was auf dem Speiseplan in ihren südasiatischen Kolonialgebieten stand – und irgendwie in einer sämigen, würzigen Soße zubereitet wurde. In der Wahrnehmung des Westens wird die kulinarische Vielfalt Südasiens seitdem von einem einzigen Stereotyp überlagert: Curry.
Irgendwann kamen britische Köche auf die Idee, dieses Stereotyp auch in Pulverform zu produzieren. Das Currypulver wiederum war es, das Deutschlands letzte große kulinarische Innovation vor dem Döner ermöglichte: die Currywurst. Da war es nur folgerichtig, dass meine Mitschüler mich ausgerechnet nach dieser in Currypulver und Ketchup ertränkten Wurst benannten.
Dass sich mein Spitzname aber nicht nur auf meine Abstammung bezog, sondern auch auf meinen Geruch, wurde mir erst viel später klar. Erst als ich nach dem Abitur von einer achtmonatigen Reise durch Südamerika nach Hause kam, überfiel es mich schlagartig: Ich trat über die Türschwelle und roch den Geruch meines Elternhauses mit einer Intensität wie nie zuvor. Plötzlich fiel mir auf, dass fast alles damit imprägniert war, die Vorhänge, die Polster und Sofakissen, dass überall ein Geschmack von indischen Gewürzen in der Luft hing. Mein Geruchssinn musste sich erst davon entwöhnen, um ihn vollständig wahrnehmen zu können.
Der Geruch meines Elternhauses haftete mir an wie ein altbekanntes Parfüm, das man erst dann wieder riecht, wenn man es weglässt. Mir wurde schlagartig klar, was meine Mitschüler eigentlich gemeint hatten, wenn sie mich »Curry King« nannten. Bis dahin hatte ich es als nervige Hänselei abgespeichert, ich spürte es als ungutes Gefühl in der Magengrube. Mein Spitzname fügte sich in eine Atmosphäre ein, in der auch andere Mitschüler, deren Familien aus Pakistan oder der Türkei stammten, andauernd auf ihre Herkunft reduziert wurden. Erst später konnte ich es als das benennen, was es eigentlich war: Alltagsrassismus. Trotzdem war ich es, der sich schämte.
Seitdem ich in meiner eigenen Küche Kreuzkümmel, Bockshornklee, Koriander und Chilis anbrate, achte ich penibel darauf, wo die Gerüche hinziehen, welche Kleidung ich beim Kochen trage und ob die Tür zum Flur offen steht. Ich erwische mich dabei, wie ich pedantisch versuche, Kontrolle über die Dämpfe zu erlangen, die mir meinen Spitznamen einbrachten – nur damit er mich Jahre später doch wieder einholt.
Eine gut befreundete und eigentlich ziemlich aufgeklärte Journalistin reiste vor Kurzem nach Sri Lanka. Sie begann, mir Bilder von Restaurants zu schicken, die »Curry« im Namen hatten – eins davon hieß »Curry King«. Es war ein ungewollter, wahrscheinlich sogar lieb gemeinter Seitenhieb, aber ich spürte dasselbe ungute Gefühl in der Magengrube wie früher auf dem Pausenhof. Erst sagte ich nichts. Als sie sich dann noch darüber freute, dass in Sri Lanka ja »alle so ein bisschen aussehen wie du«, reagierte ich empfindlich – genug der Stereotype, genug der ewigen Wiederholung desselben, dachte ich.
Ich erklärte ihr, dass Sri Lanka keine indische Provinz, sondern ein eigenständiger Staat ist, dass meine Familie aus Delhi stammt, Tausende Kilometer weiter nördlich, und dass auf dieser Strecke ungefähr die gleiche kulturelle Diversität existiert wie zwischen Moskau und Madrid: Tausende verschiedene Communitys, Hunderte Sprachen und Dialekte, vielfältige kulinarische Traditionen. Ich war etwas wütend, verbarg es aber hinter einem ironischen Unterton – und empfahl meiner eigentlich sehr woken Freundin, dass sie sich doch bitte von ihrer kolonialen Perspektive lösen solle, die diese Vielfalt unsichtbar mache. Jetzt war sie es, die sich schämte. Und obwohl sie eine enge Freundin ist, fühlte ich eine merkwürdige Genugtuung.
Nach elf Jahren harter Arbeit haben meine Eltern ihr Restaurant verkauft. Sie ließen viele Stammkunden zurück, die ihre an den deutschen Gaumen angepassten »Currys« sehr schätzten. Heute kommen nur noch meine Brüder und ich in den Genuss ihrer Küche. Wenn ich meine Eltern besuche und mich vom würzigen Geruch nach Dal Makhani oder Malai Kofta einlullen lasse, fühle ich mich vor allem eins: zu Hause. Manchmal werden mir die Kochdämpfe aber immer noch zu viel. Dann reiße ich die Fenster und Türen auf und lasse frische, neutrale Luft hereinströmen. Meine Mutter hält mir dann immer vor, wie empfindlich meine Nase geworden sei.
